Der Rahmen

frei nach Rilke

Einfach, kunstlos, ganz Natur,
so unentschlossen leer, und nur,
wenn aufgereiht an heller Wand,
verweilt der Betrachter mit Verstand.
Oh, Du, Edles aus Holz und aus Glas,
und fast ich vergaß
Deinen Rücken zu loben,
der aus Pappe gewoben,
damit Du gut stehst,
hängst, ... oder gehst
Du auf Deinen vier Ecken,
den Betrachter zu necken?

Du sieben mal zehn,
kein Bild ist zu sehn!
Was nützen Bildgrößen,
wenn sie das Bild nur entblößen?
Du Wechsler in Echt,
bin ich ungerecht?
Warum bist Du so leer,
oh, mein geliebter Rahmen, wie sehr
wünschte ich mir eine kleine Magie,
zu füllen Dein Angesicht mit Photographie!

Ich träumte, Du seiest gesprungen,
hab ein traurig Lied Dir gesungen:
„Oh je, oj je,
im Winde verweht, nach Luv und nach Lee ...“
Wie wunderbarer Spiegel im Mond,
kein Aug bleibt von Dir verschont.
Oh Rahmen ohne Vergleich:
Wohin? Woher? Warum nicht gleich?

Bild, es ist Zeit; der Rahmen ist groß.
Laßt alle Photographen los!
Was ihn jetzt nicht füllt, füllt ihn nimmermehr,
schade, wenn der Rahmen blieb ewig leer.
Nirgends wird Welt sein als innen.
Irgendwann steckt jemand drinnen
und schaut heraus, ganz unverfroren:
Jetzt, Rahmen, bist Du geboren.

©Jürgen Langhans. Karlsruhe 28. November 2003