Es war einmal ein Prinz ...

Leipzig

Es war einmal ein armer Prinz. Der hatte nur ein kleines Schloß mitten in Karlsruhe und lebte dort ganz alleine. Und er hatte auch ein kleines Pferd mit einer kleinen Kutsche. Eines Tages, das war am 4. September im Jahre 98, hielt er es nicht mehr aus in seinem Schloß, und er nahm sich vor, die Welt kennenzulernen. Zuerst wollte er nach Leipzig fahren. Da er aber nicht reich war, konnte er das viele Heu für sein Pferd nicht ganz alleine bezahlen. Also rief er bei der Mitkutschzentrale in Karlsruhe an und und sagte, daß er noch irgend jemanden auf die Reise mitzunehmen gedachte, denn wer jemanden mitnahm, bekam dafür ein wenig Geld.

Tatsächlich meldete sich bei ihm das Dienstmädchen einer Prinzessin, er solle doch so gegen Abend, wenn der Stab der Sonnenuhr auf die Zahl 5 zeige, am Hauptkutschbahnhof in Karlsruhe sein. Aber der Prinz hatte noch ganz viel zu arbeiten, und er wußte nicht, ob er das alles bis dahin schaffen würde. Und vor allem mußte er in seinem Schloß noch ein wenig Ordnung machen, seine Sachen für die lange Reise einpacken und sich baden. Weil er so arm war, hatte er ja keinen Diener. Der Prinz dachte ein wenig über den Sinn des Lebens nach, schob seine ganze unerledigte Arbeit in eine Ecke und fuhr mit 67 Peitschenschlägen pro Stunde auf der herrlich ausgebauten Südtangente zum Hauptkutschbahnhof.

Als er ankam, gewahrte er vor dem Eingang eine wunderschöne Prinzessin. Sie hatte lange schwarze Haare und war in elegante Jeans gekleidet. An den Füßen trug sie Jesuslatschen. Hoffentlich bin ich nicht zu armselig ausgestattet, ich habe ja nur 1 Pferd vor meiner Kutsche, dachte bangend der Prinz. Aber das freundliche Lächeln auf dem Gesicht der Prinzessin machte ihm Mut. Außerdem sah auch sie nicht so unheimlich reich aus. Er sprach sie schüchtern an und erklärte ihr, daß er sie, bevor sie auf die Reise gingen, dringend noch mal auf sein Schloß einladen müsse, denn er habe dort noch ein wenig aufzuräumen, seine Sachen zupacken, und er würde sich gern noch mal baden. Die Prinzessin erwiderte: „Kein Problem!“, und so fuhren sie aufs Schloß Wolfartsweier.

Der Prinz hieß seine hübsche Begleiterin in einem prachtvollen, braungepolsterten Sessel platznehmen und begab sich an die Arbeit. Ganz heimlich beobachtete er sie manchmal, wie sie las und irgendwas aufschrieb. Er dachte bei sich: Die Prinzessin gefällt mir gut, sie ist nicht nur schön, sondern wohl auch intelligent. Ich glaube, sie „strebt“ ... Allein machte es ihn traurig, daß sie wohl bedeutend jünger war als er selbst, und er bewunderte im Stillen den Prinzen, dem sie wohl gehören möge. Unser Prinz putze und wienerte nun in seinem kleinen Schloß herum, bis alles wie noch nie in edlem weiß flimmerte. Er beseitigte Spinnennetze, besorgte den Abwasch, und danach badete er sich solange, bis seine Haut samtrein war. Er zog sich seine schönsten Kleider an, packte noch ein paar Dinge ein und sagte: „So. Wir können losfahren. Habt Ihr was zu essen mit? Und warme Sachen? Wir müssen mit Kutschenstau rechnen.“

Das Pferdchen trabte gemütlich vor sich hin. Die Reise würde recht lange dauern. Die Prinzessin war sehr still, und der Prinz schwieg schüchtern. Aber die Neugier war ihm angeboren, und so wagte er die Frage, aus welchem Königreich sie denn käme und wer sie sei. Sie antwortete, daß sie eben aus einem fernen Land käme, Frankreich, und daß sie unterwegs sei in die Residenz ihres Vaters in Leipzig. Außerdem erfuhr er, daß sie tatsächlich nicht viele Güter besaß und daß sie sich deshalb die teuren und schnellen Kutschen nicht leisten könne. „Ich studiere Königswesen.“, sagte sie. „Ich werde bald über ein Jahr lang in Frankreich bleiben, um dort zu lernen, wie man mit behinderten Königskindern arbeitet.“

Der Prinz horchte auf. „Kennt Ihr das Land jenseits der Stille? Die Menschen, die dort leben, können nichts hören. Sie müssen sich alles über eine Zeichensprache erklären.“ - Ja, natürlich, davon habe ich gehört. Manchmal schneit es dort. Die Leute wissen nicht, wie der Schnee ist, wie er „macht“.

Jetzt waren die Gedanken des Prinzen nicht mehr zu bremsen. Sollte tatsächlich so ein Engel, so ein seltener Kristall, so ein wertvoller, einfühlsamer, tiefdenkender Mensch neben ihm in seiner Kutsche zur Seite sitzen? „Prinzessin, ich weiß, daß ich immer älter werde, aber können wir nicht „Du“ zueinander sagen?“ - „Ja, gern. Aber was hast Du in der Residenz Leipzig vor?“ - „Ich will dort fliegen. Es ist ein großes Fest angesagt. Ich habe meinen fliegenden Teppich dabei.“ Und er zeigte in den hinteren Teil der Kutsche.

Wieder schwiegen sie eine Weile. Dann sagte der Prinz: „Manchmal dichte ich und schreibe Lieder, einfach so, zur Harfe, und dann singe ich sie. Über den Schnee im Land jenseits der Stille habe ich auch ein Lied geschrieben. - Du, ich muß mein Pferdchen wechseln. Da vorn kommt gleich eine Kutschenraststätte. Ich lade Dich zu einem Käffchen ein, wir können auch was essen.“

Pferde

Der Prinz bezahlte gerade ein Superpferd und betrachtete wieder ganz verlegen die Prinzessin, die so anmutig dabeistand und beim Pferdewechseln zusah. Dann gingen sie in die Herberge und speisten.

Als sie wieder in der Kutsche saßen, frage der Prinz vorsichtig, ob er ihr das Lied mit dem Schnee einmal vorspielen dürfe. „Ja, wie, willst Du hier singen?“ - „Nein, ich habe da was ganz modernes, schau mal, ein Kutschenradio mit Mini-Harfen-Zusatz. Das Ding spielt ganz von alleine, ich habe diesem Ding vorher gezeigt, wie es klingen soll.

Und beide hörten nun das Lied. Die Prinzessin schien fasziniert und sah ihn lange an. Sie fuhren weiter und unterhielten sich jetzt prächtig. „Ich wünsche mir,“ sagte der Prinz, „daß wir beide irgendwann einmal gemeinsam auf einem fliegenden Teppich sitzen werden.“ Das Superpferd legte ein gutes Tempo vor. Er lies den Pferdeschwanz nach links zeigen und überholte gleich drei Kutschen hintereinander weg. Aber umso mehr sie sich dem Ziel näherten, desto trauriger wurde dem Prinzen ums Herz. Er wußte, daß er die Prinzessin vielleicht nie wieder sehen würde. Er zügelte das Pferd ein wenig, weil es sein tiefster Wunsch war, daß diese Fahrt nie zu Ende gehen würde. Die Kutsche wurde immer langsamer. Es war inzwischen sehr spät geworden. Bald sahen sie die Lichter der großen Stadt.

Die Prinzessin kannte sich hier gut aus und wies dem Prinzen sicher den Weg zur Residenz ihres Vaters. Der Prinz brachte die Kutsche zum stehen. Beide stiegen aus. Die Prinzessin nahm ihre Sachen, übergab das Salär für die Fahrt und bedankte sich höflich. Der Prinz glaubte etwas Nettes, Liebes in den Augen der Prinzessin zu erblicken, aber er war für Worte nicht mutig genug. Ihm kam eine Idee: Er schenkte ihr einen ganzen Haufen von seinen Liedern und dazu die Mini-Harfe, damit sie alles anhören konnte. „Ich will Dir meine Kunst nicht aufdrängen, aber ich würde Dir gern zum Abschied etwas schenken.“ Dann holte er einen Federkiel heraus und kritzelte auf ein Stück Pergament seine Rauchzeichennummer in der Hoffnung, daß ihn die nette Prinzessin irgendwann einmal anrauchzeichnen würde.

Schloss

Noch lange stand der Prinz mit seiner Kutsche vor dem Schloß in der Leipziger Residenz Probstheida und starrte auf das große Tor, hinter dem die Prinzessin eben verschwunden war. Er versuchte sich mühsam eine Zahl zu merken, die am Zaun des Schloßgartens angebracht war ... 147.

©Jürgen Langhans. Karlsruhe, 21. Mai 1999