Einbahnstraße

Es ist Gregor, der durch das alte Dresden schlendert. Eine Einbahnstraße, typisch für diese deutsche Stadt. Er soll was schreiben, über Solidarität zwischen den West- und den Ostdeutschen. Das wird schwer. Aber er hat's einer lieben Freundin versprochen.

Das Land Sachsen wird von einem westdeutschen Politiker regiert. Die Parlamente in den neuen Ländern werden durch Wessis unterstützt. Gregor war mal Abgeordneter. Er ist nicht mehr in Dresden.

Im Westen kommt Gregor schnell zurecht. In der Firma spürt er keinen Unterschied. Er wird bereitwillig eingearbeitet, so wie alle andern. Und er bekommt Verantwortung. Als Ossi. Seine Firma in Berlin wurde geschlossen. Die vom Westen eingesetzte Anstalt zur Privatisierung gesellschaftlichen Eigentums entschloß sich zur Solidarität mit dem Kapital.

Gregor erhält jetzt mehr Geld. Über 70.- DM. Seit Juli zahlen Arbeitnehmer keinen Solidaritätszuschlag mehr. Dieser Zuschlag war über zwei Jahre eine Quelle zur Finanzierung wichtiger Institutionen im Osten, für den Aufbau von Arbeitsämtern und kommunalen Verwaltungen, für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Sozialhilfen. Die Bundesregierung hat ihre Solidarität mit den über 30% Erwerbslosen eingestellt.

Westliche Führungskräfte wollen kaum noch im Osten arbeiten. Es ist nicht mehr lukrativ, nicht mehr so aufregend wie kurz nach der Wende. Die Bundesregierung zahlt keinen finanziellen Ausgleich mehr, das Ostgehalt ist diesen Leuten zu niedrig, und der Mensch gewöhnt sich an alles.

Wer im Osten investiert, hat den Gedanken, billige Grundstücke zu sichern.

Was boomt gerade im Osten? Versicherungen, Banken, Autohändler, Imbißbuden schmücken jede Einkaufsstraße. Große Baumärkte, hingesetzt von berühmten Supermarktketten. Tankstellen, Autobahnen.

Solidarität in Form von Erhaltung einiger weniger Arbeitsplätze, indirekt, Beschäftigung durch fremde Firmen. Auslagerung von Produktion. Nur ist Ostdeutschland nicht ganz so preiswert wie Spanien oder Thailand. Oder bald Polen.

Bis kurz nach Grenzöffnung gab es 100.- DM Begrüßungsgeld für jeden Bürger, der zum ersten Mal in den Westen einreiste. Einseitige Solidarität? Einbahnstraße? Gregor schreibt sich das Stichwort "billiger Absatzmarkt" ins Notizbuch. Ja, der Osten dient dem Westen ganz solidarisch als konsumfreudiges Neuland. Noch.

Heute wird irgendwie alles teurer. Mieten steigen, die Post erhöht ihre Tarife. Natürlich sieht der Standard-Wessi die Schuld beim lästigen Ossi. Dabei sind die Preissteigerungen für einen Dresdener weitaus einschneidender und spürbarer als für einen Karlsruher.

Der Wessi bangt um sein hartes Geld: Europa naht. Fragt jemand nach irgendwelchen solidarischen Gedanken? Vielleicht mit den Bewohnern der sogenannten Dritten Welt? Mit den Leuten, die in Deutschland um Asyl bitten? Gregor kennt die wichtigste Quelle des so viel gepriesenen deutschen Reichtums recht gut. Und wer reich ist, hat nichts zu verschenken.

Wenn eine alte Frau hinfällt, hilft man ihr auf. In der Deutschen Demokratischen Republik. In der Bundesrepublik Deutschland läßt man sie liegen. - Das hat Gregor in der Schule gelernt. Er hat das damals geglaubt. Aber im tiefsten Innern jeden Schwachsinns steckt oft eine kleine Wahrheit: Im Osten gab's so einen historisch gewachsenen freiwilligen "Zwang" zur gegenseitigen Hilfe, denn der einzelne konnte mit den vielen Problemen alleine nicht fertig werden. Stichwort Mangelware. Eingeschränkte Freiheiten.

Im Westen gab es diesen Zwang - zumindest unter dem bürgerlichen Bevölkerungsanteil - nicht. Gregor sieht heute selbst reichlich Beispiele für "Ich bin mir selbst der Nächste", für Egoismus, Neid, Angeberei und Betrug. Im Osten hat sich der Durchschnittsbürger wohl kaum für seinen kleinen Trabant geschämt. Er war stolz, daß er überhaupt ein Auto hatte. Im Westen läuft unter BMW oder Mercedes nichts.

Und was passiert nun, wenn diese beiden Menschengruppen plötzlich zusammenkommen? Keine Ahnung. Gregor denkt, eigentlich ist Deutschland arm. Der Reichtum ist materiell, künstlich. Er glaubt nicht, daß in einem solchen Land eine ehrliche Solidarität zwischen Menschen mit so krassen sozialen Gegensätzen gedeihen kann. Viele Wesenszüge des Ossis bleiben dem Wessi verborgen. Stichwort Oberflächlichkeit. Es ist zu viel da zum Leben, und es fehlt die Neugierde. Der Osten ist reich an Kunst, Literatur und Musik. Kabarett und Theater sind einfach besser. Gregor hat nicht nur den berühmten grünen Pfeil an der Verkehrsampel zu bieten, der in der DDR das Rechtsabbiegen bei "rot" erlaubte.

Und manchmal wirft der Ossi-Gregor dem Wessi-Penner auf der Kaiserstraße in Karlsruhe eine Mark in die Mütze.

Dresden, 3. Oktober. Tag der Deutschen Einheit. Zum dritten Male. Keine Flagge, kein Fest, kein Jubel. Nichts. Drei Vietnamesen gehen ohne Hast und Furcht über die berüchtigte Prager Straße. Keine Rechtsradikalen. An einer Straßenkreuzung treffen sich hundert kunterbunte Punks zu einem Oktoberfest. So nennen sie ihr Meeting. Man sitzt beieinander, schwatzt, schmatzt, liebt sich, zeigt sich solidarisch mit streunenden Hunden und Katzen, irgendwo ist immer ein Brotkrümel übrig...

©Jürgen Langhans. Karlsruhe 1992 (für eine französische Zeitung)