Tonmeister

Ouvertüre

Morsetaste

In meiner Uniform fühle ich mich als Blickfang und dementsprechend unsicher, sogar etwas fehl am Platze, in einem als Wartezimmer hergerichteten großen Raum, in einer der bedeutendsten Musikhochschulen der DDR: Hanns Eisler, Berlin. An meinem Blouson klemmt zum ersten Mal meine frisch erworbene Qualifikationsspange der Stufe II. Das schafft nicht jeder, Tempo 14 beim Morsen, und das alles unter Störeinflüssen und voller Schutzausrüstung. Verbindungsaufnahme und Funkbetriebsdienst unter realen Bedingungen. Im Gelände über 1 km Entfernung, Kurzwelle, A1-Betrieb, bis zum Verzweifeln trainiert am Simulator in der Funkklasse. Funkklasse..., heute hat der Gefreite Bentlin mit seinem Trupp Reinigungsdienst, hoffentlich klappt das. Wenn der Soldat Bessel diesmal wieder durch die Fahrprüfung rauscht, habe ich für den Trupp Rückwärtige Dienste keinen Kraftfahrer, jedenfalls keinen, der funken kann..., oh, ich habe vergessen, den Streifendienst...

Herr Veudel, bitte ins Zimmer 15, Veudel, Zimmer 15...

1. Klavierprüfung

Nach dem ersten Aufruf durch den Lautsprecher erhebt sich ein junger Mann, kurze Haare, rundliche Figur, größer als ich, gediegener Anzug mit Schlips. Nee, nur Musiker, der kann keine Elektronik, denke ich. Drei Sekunden später fällt auch mein Name. Also waren wir erst mal zwei, stelle ich fest. Wir mustern uns kurz und vereinbaren, daß ich als erster zum Vorspielen ins Zimmer gehen solle. Bei mir dürfte es schnell gehen. - sage ich und sehe seinen erstaunten Blick. Naja, woher soll er auch wissen, daß ich hier schon bekannt bin. Kleider machen Leute, mag er bestenfalls denken.

Ja ja.- sagt die Dame und senkt den Kopf wieder in ihre Unterlagen, nachdem ich ihr umständlich erklärt habe, daß ich ganz genau der sei, der nicht Klavierspielen könne. Fangen Sie schon mal an. Spielen Sie irgendwas. - Verzeihung, Frau Professor, aber ich kann wirklich nicht Klavierspielen! Nur irgendwas einfaches, aber das lohnt sich nicht. - Nun werde ich für die Dame interessant, und sie schaut mich aufmerksam an. Was wollen Sie studieren? Tonmeister? Wie war Ihr Name? ... Und Sie können nicht Klavierspielen? - Nein. Herr Jäckel hat gesagt, ich soll aber trotzdem herkommen. Es sind ja auch noch zwei Jahre Zeit zum Lernen. Das geht nicht. Vollkommen ausgeschlossen. Was weiß ich, was Sie mit dem Cheftonmeister vereinbart haben. - Es gibt doch bestimmt nicht viele, die sich für Musik und Elektronik interessieren. - Haben Sie eine Ahnung! Wir können hier aussuchen. Heute wird kein Tonmeister mehr ohne Klavierausbildung zugelassen, und das ist richtig so. Woher soll denn Ihr Gehör kommen? - Ich spiele Akkordeon, Oboe, habe vier Jahre Komposition gelernt und kenne die Satzlehre, und ich habe ein Gehör! - entgegne ich verzweifelt.

Nichts zu machen. Etwas betreten gehe ich an meinem offenbar einzigen Konkurrenten vorbei aus dem Zimmer. Gewohnt in Zensuren zu denken, gebe ich mir für diesen mißlungenen Auftakt vorsorglich die Note 5. Na gut, der Tonmeister Jäckel wird hier sicherlich der entscheidende Prüfer sein, und der kennt mich schließlich.

Vor dem Warteraum steht ein Oberst, der mich meiner Uniform wegen verdutzt ansieht. Wohl einer aus dem EWE, dem Erich-Weinert-Ensemble, denke ich und nehme an, daß er nun scharf darüber nachdenken mochte, wer ich sein könnte. Immerhin, ich habe auch gelbe Litzen. Warum nur gibt man den EWE-Musikanten die gelben Kragenspiegel der Nachrichtensoldaten?

Meisterliches Intermezzo

1974. Alle drei Jahre beginnt ein Tonmeisterstudium; das nächste im September 1976. Das paßt genau, denn dann bin ich mit der Armee fertig. Von acht Leuten suchen sie für diesen Jahrgang nur noch zwei, hatte man mir gesagt. Hier im Warteraum sind wir so etwa 20. Wieviele von denen bewerben sich für meine Fachrichtung? Wirklich nur der eine von vorhin?

Tesla

Im Prinzip ist für mich alles klar: Ich suche einen Beruf, der meine beiden Hobbies miteinander verbindet: Musik und Elektronik. Also, Tonmeister, meinten die Eltern. Und ich habe schon einiges arrangiert und produziert oder synchronisiert, wie ich es nannte, im Keller, wenn ich wußte, daß kein Mensch zuhören konnte, mit dem B 46, einem 4-Spur-Bandgerät aus der CSSR, dem besten, welches es heute zu kaufen gibt. Es geht ganz einfach: Nachdem man alles gut eingeübt hat, singt man sein Lied zur Gitarre auf die erste Spur. Danach spult man zurück und nimmt irgendein anderes Instrument auf die zweite Spur auf. Dabei hört man das vorher Aufgezeichnete natürlich mit. Und mit ein paar Tricks lassen sich weitere Instrumente aufzeichnen... Na gut, ich habe ein Band mit hierher genommen, das müßte den Herrn Jäckel ausreichend beeindrucken.

Herr Jürgen Langhans... - Der Lautsprecher meldet sich wieder und reißt mich aus meinen zuversichtlichen Gedanken.

2. Musiktheorie

So. Das ist meine große Stunde, und ich freue mich. Noch nie habe ich mir von einer Dame den Vortritt geben lassen. Und das war keine Geringere als Frau Professor Ruth Zechlin. Komponistin, berühmt. Sie haben da aber eine tolle Uniform an! Was ist denn das für ein Dienstgrad? Was Hohes? Ahhh, ja, gut,..., bitte warten Sie doch noch einen kleinen Augenblick, ich bin mit dem Mädchen hier noch nicht ganz fertig.

Gespannt schaue ich zu. Die Kleine spielt Flöte, "Wenn ich ein Vöglein wär'". Ich wundere mich, was man an einer Hochschule so alles studieren kann und vor allem, mit welchem Alter. Die ist keine 13, überlege ich und kann mir bei dem, was jetzt folgt, ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sehr schön! Kannst du auch noch ein anderes Stück spielen? - Ja, ich glaub ja, also, ja, vielleicht die zweite Strophe? - ...Gut, spiel sie!

Sie wissen ja schon alles, das sollen Sie doch hier erst lernen! - Ich habe soeben einen Quart-Sept-Akkord herausgehört, den sie mir auf dem Bechstein-Flügel servierte. Spielen Sie mir auf dem Klavier eine Begleitung und singen Sie dazu, irgendwas, was einfaches. - Ich kann nicht Klavier spielen. - Hm, na gut, machen wir was anderes.

Sie malt Noten einer recht komplizierten Melodie an die Tafel. - Versuchen Sie mal, das zu summen! - Der Versuch geht gut. Nun spielt sie einige Kadenzen, und ich gebe Antworten wie: "Dominante, Tonika, A-Moll, Vertretung zu C-Dur, Quintparallele, ist eigentlich nicht erlaubt,...". Sie spielt einen einzelnen Ton und ich sage: "G." - Sie haben ja ein absolutes Gehör, das ist ein Wunder!

Nun habe ich gehört, daß es nur sehr wenige Menschen geben soll, die ein absolutes Gehör besitzen. Das bedeutet aus rein physikalischer Sicht, daß diese Leute eine Frequenz "messen", einen Ton, der frei im Raum steht, exakt benennen können, einfach so und ohne ihn mit einem anderen vergleichen zu können, also absolut. Die hören 440 Hertz und sagen: "Das ist ein 'A'." Ich kann das auch, aber nur dann, wenn ich den gesuchten Ton mit einem anderen vergleichen kann, der kurze Zeit vorher erklungen ist und den ich mir merken konnte. Das nenne ich Gehör, aber es ist kein absolutes, sondern ein relatives. Ich erkläre es. Ach, erzählen Sie mir nichts, Sie sind ja viel zu bescheiden. Wenn es nach mir ginge, würde ich Sie sofort nehmen.

Ginge es doch nach ihr!

Musikalisches Intermezzo

Meister

Den Leuten, die mir begegneten, bot ich sicherlich ein kurioses Bild. Bestimmt kennen mich einige schon, dachte ich, denn immer, wenn ich um halb 5 abends zu Hause losging, erreichte die S-Bahn den Bahnhof Strausberg Stadt, und der schmale Fußweg in die Siedlung füllte sich mit Menschen, die von ihrer Arbeit kamen.

Früher hatte mich die Mutti immer noch mit dem Auto zu Herrn Zismar in die Stadt gebracht, aber der Vati meinte, ich solle nicht verwöhnt werden.

Um 5 mußte ich dasein. Jeden Mittwoch zog ich mit meinem kleinen Handwagen in die Stadt, und drinnen - mein Akkordeon, Marke Weltmeister, versteht sich, mit 96 Bässen und 8 Registern! Angefangen hatte ich mit 8. Nein, nicht mit 8 Jahren, sondern mit 8 Bässen! Keine Register. Herr Zismar meinte, das ginge so nicht, und so bekam ich zu Weihnachten das schöne, rote und schwere Instrument. Zwar war ich damals schon 1.64 groß, aber alles andere als kräftig. Immer wenn ich mit meinem Wagen loszog, spielten die anderen Jungen aus meiner Klasse Fußball oder tobten irgendwo herum. Unser Großer soll seine Zeit nicht vertrödeln. Der wird mal kein Gammler, pflegte mein Vati zu sagen.

Herr Zismar war Inhaber eines kleinen, verschlafenen Musikladens am Ende der Großen Straße, schon nicht mehr im Zentrum der Stadt gelegen. Während seine Frau vorn im Laden verkaufte, gab er in einem Hinterstübchen Kindern wie mir recht und schlecht Akkordeonunterricht. Nur recht und schlecht, aber das wußte ich damals noch nicht.

Das Zimmerchen war heute wieder stark verraucht. Zigarrendunst. Der alte und gemütliche Herr begrüßte mich wie immer mit "Meister" und ließ mich links neben sich auf dem Sofa platznehmen. An seiner Rechten saß ein großer, schwarzer Pudel. Es klappte alles gut. Überhaupt lernte ich sehr schnell. Herr Zismar nahm seine Geige und spielte mit. Schlager. Das machte einen Heidenspaß! Für mich war das ein Orchester. Immer wenn die Geige einsetzte, fing der Pudel an zu jaulen. "Die Sterne im Hafen" konnte ich auswendig. Die Stunde war um. Herr Zismar schrieb in feinster deutscher Druckschrift meine Zensuren und meine Hausaufgaben in ein Heft. Danach bezahlte ich brav 4.- MDN, Mark der Deutschen Notenbank.

Ernüchterung

Ihr Junge spielt schrecklich. Keine Technik. Die linke Hand ist versaut, die Finger greifen völlig verkehrt. Der Grundbaß muß mit dem Ringfinger genommen werden, nicht mit dem mittleren. Und der Balg, und die Haltung, sehr schlimm. Warum haben sie Ihren Großen nicht gleich zu uns in die Musikschule gegeben?

Überraschung

Nun, das ist ein Versuch. Oboe ist eines der schwierigsten Instrumente im Orchester, und es ist auch sehr belastend für den Körper. Ich weiß nicht, ob Ihr Junge diese Anstrengung schon aushält. - Herr Walter erläutert das alles meinen Eltern. Die sind - ganz zu meiner Überraschung - der Meinung, ich müsse extra noch ein Konzertinstrument erlernen. Ich laß mir's gefallen.

Jede Stunde begann mit Atemübungen. Ich mußte mich mit dem Rücken auf den Tisch legen und tief atmen. Dabei legte Herr Walter die Hand schwer auf meine untere Bauchhälfte. Ich sollte durch mein Atmen einen Gegendruck erzeugen, ohne dabei die Lungen im Brustkorb mit Luft zu füllen. Zwerchfellatmung.

Wenige Monate später spielte ich bereits im Kinder- und Jugendsinfonieorchester unserer Stadt. Im Fach Oboe war ich faul, und das rächte sich spätestens immer hier. Nach wenigen Takten war mein Ansatz, die Kraft in den Lippen weg, und die Luft pfiff in solchen Fällen am Mundstück vorbei. Fffft!. Bestenfalls wurde ich immer lauter. Der Dirigent schimpfte. Die anderen meckerten auch. Und die hatten 's gerade nötig, sind mindestens 5 Geigen, wenn da eine mal aussetzt, merkte das kein Mensch. Aber ich bin so gut wie alleine. Wenn die wüßten, daß der Oboist eigentlich der wichtigste Mann im Orchester ist. Aber die feixten jedesmal, wenn ich aufstand und den Streichern das "A" gab. Laut und quäkend. Und schief. Wenn ich dann mein "A" für die Bläser wiederholte, konnte es passieren, daß die Streicher umsonst gestimmt hatten. Woher sollte auch ausgerechnet ich wissen, welches "A" das richtige ist? Mein "A" konnte um mindestens 2 Töne variieren, alles hängt vom Mundstück und vom Ansatz ab. Wieso nimmt man denn keine Stimmgabel? Und was macht man, wenn ein Klavier mitspielt?

Das Mundstück muß man vorher sehr lange einweichen. Jeder Oboist hat dazu ein Glas Wasser neben sich stehen. So ein Oboen-Mundstück ist das heikelste Utensil, was ich je in der Musik kennengelernt habe. Es ist ein Stück Rohr, welches am Mund-Ende zwei aufeinanderliegende Plättchen aus Ebenholz besitzt. Diese Plättchen müssen bei einem neuen Mundstück angepaßt werden. Man nimmt ein scharfes Rasiermesser und schabt ein "Herz", und zwar so lange, bis man damit gut einen Ton erzeugen kann. Wenn man zu viel abträgt, sind 5 Mark verloren. Die Präparation dauert etwa eine halbe Stunde. Und die ganze Arbeit war umsonst, wenn man während des Konzerts sein Instrument ungeschickt ansetzte und das Mundstück an die Schneidezähne stoßen ließ. Deshalb stecken die Oboisten immer die Zunge raus, wenn sie ihr Instrument ansetzen. Das kann man beobachten.

Wer Oboe lernt, kann anfangs nicht leise spielen. Mein Vater schickte mich eines Tages sogar in den Wald, weil mein Üben solch einen Lärm verursachte.

Neuland

Als meine Mutti zur Tür reinkam, merkte sie offenbar gleich, daß ich nicht das spielte, was ich eigentlich üben sollte. Aber das Stück gefiel ihr, und sie bat mich, es noch einmal zu wiederholen. Ich sagte ganz einfach, das ist von mir. Guck mal, hier sind die Noten. In E-Dur, 4 Kreuze! - Darüber steht: Lied der Freundschaft. Komposition Nummer 1.

Ein Jahr später belegte ich mein drittes Fach: Satzlehre.

Inzwischen war ich zwölf. Jeden Montag Abend fuhr ich mit der S-Bahn nach Berlin-Mahlsdorf zu Frau Gramminski und lernte die Grundlagen des Komponierens. Vier Jahre lang. Hier war ich voll bei der Sache. Mein "berühmtestes" Werk: Variationen über Die Moorsoldaten. Dafür bekam ich sogar einen Preis.

3. Musikgeschichte

Nach einer langen, verträumten Stunde werde ich endlich wieder aufgerufen. Das Zimmer betrete ich mit äußerst gemischten Gefühlen. Was weiß ich, wie man sich auf solch ein Gebiet vorbereiten soll. Ich hatte mir eigens dafür ein Musik-Lexikon gekauft und einige Stunden lang lustlos in den beiden Bänden gelesen, versucht, mir irgendwelche Geburtsdaten oder Werke von berühmten Komponisten einzuprägen. Sinnlos das Ganze. Keine Ahnung, was mich hier erwarten könnte. Hauptsache, ich bekomme keine Musik vorgespielt, von der ich Titel und Komponist erraten soll, denke ich aufgeregt. Alles andere, nur das nicht!

Die Frau Professor geht in einen Nachbarraum. Musik erklingt. Die Professorin setzt sich mir gegenüber an den Tisch. Gemeinsam hören wir ein gewaltiges klassisches Werk. Verdammte Scheiße, denke ich. Die Minuten vergehen. Ich habe eine unheimliche Wut. Alles vorbei und im Eimer, umsonst die vielen Jahre... Aprupt ist das Stück zu Ende. Die Dame wird gesprächig. Kennen Sie das Werk? - Nein. - Gut. Macht nichts. Das erarbeiten wir uns ganz einfach. Haben Sie eine Vorstellung, von wem das Werk geschrieben sein könnte? - Nein. - Na, macht nichts. Überlegen Sie doch mal, in welcher Zeit es entstanden sein könnte.

Ich denke sichtlich nach. Die gute Mitte mag irgendwo um 1800 liegen, sage ich mir verzweifelt und teile das mit ernster Miene mit: 19. Jahrhundert. - Sehr schön! Nun kommen wir gut voran. Was meinen Sie, in welchem Land könnte die Komposition angesiedelt sein?

Die Dame fragt freundlich, fair und geduldig. - Tja, da muß man nachdenken, hmmm. - Nicht so schlimm. Wer hat denn um diese Zeit so alles gelebt? - Ich zähle nun eine ganze Liste diverser Komponisten auf. Während dieser wenigen Sekunden verliert das Gesicht der Frau Professor allmählich, aber deutlich seine schönen Grübchen. ..., Chatschaturian. - war mein letzter Name. - Waaaaas???? - Ach nein, Verzeihung, der lebt ja noch!

Und da war's aus. - Braaaahms!!! Bekannt? - Natürlich. - Und wo war der zu Hause? - Freundliches Schweigen meinerseits. Deutschland! Sie haben ja überhaupt gar keine Ahnung von Musik. Unfaßbar!

Mir war jetzt alles egal. - Was haben Sie da überhaupt für eine Uniform an? Wieso wollen Sie eigentlich Musik studieren, wenn Sie Soldat sind? Sie haben doch schon einen Beruf! Was wollen Sie überhaupt hier? ... Was, Tonmeister? ... Von mir kriegen Sie erst mal 'ne 5, da is nix mit Tonmeister. Wie kommen Sie denn auf so eine Idee? ... Was, Sie haben schon mal was produziert? Auf Band? Lieder aus der Singeklub... Sagen Sie, für welche Musik interessieren Sie sich eigentlich, wenn Sie von nichts eine Ahnung haben? ... Was, Tanzmusik, alles was gut ist? Ja, woher wissen Sie denn eigentlich was gut ist?! Renft? Panter Rei? Nie gehört! Beatles! So ein Quatsch! Gehört nicht hier her. Feuerwerksmusik, na schön. Sie haben im Orchester die Ouvertüre gespielt? Und die Kindersinfonie auch? ... Das ist überhaupt nicht raus, ob die wirklich von Haydn ist. Oboe, aha. Warum studieren Sie dann nicht einfach Oboe? Zu langweilig??? Ja, meinen Sie denn, was bilden Sie sich denn ein...

Elektronisches Intermezzo

Vati, ich habe was erfunden! - Es ist Sonntag früh um 5. Nie hätte ich getraut, ihn zu wecken, wenn es nicht wirklich wichtig gewesen wäre. Damals mußten die Erwachsenen Sonnabends noch voll arbeiten, so lag es nahe, am Sonntag kompromißlos auszuschlafen.

Ich habe einen Sender erfunden! Guck mal, die Musik, die ich hier abspiele, kommt da hinten am Radio wieder raus! Ohne Draht! - Der Vati wird noch wütender. - In meinem Haus wird nicht gesendet. Das ist verboten! Das geht aber gar nicht über die Antenne! Das geht hier irgendwie über den Tonabnehmer-Eingang! Kannst du mir mal erklären, ...?

Er geht ins Bad, wäscht sich und nimmt seine obligatorische Höhensonne.

Die Höhensonne. Ein furchteinflößender Apparat, der aus einem großen Reflektor und einem laut brummenden Transformator besteht. In der Mitte des Reflektors der Strahler, ein als verkehrtes "U" geformtes Glasröhrchen, gefüllt mit Quecksilber. Am Stahlgehäuse ein riesiger Paketschalter. In der Schalterstellung 1 wird das Quecksilber erwärmt. Im Röhrchen entsteht Quecksilberdampf. Die Schalterstellung 2 läßt nun den Strom über das Quecksilber fließen. Die Höhensonne geht auf. Nach 10 Minuten muß man auf Stellung 3 schalten, Dauerbetrieb. Nun wird es sehr hell. Ozon. Mit den Schutzbrillen sehen wir alle immer sehr komisch aus. Nackig, aber mit Brille.

Dann gibt sich der Vati endlich mit dem frühen Anbruch des heutigen Sonntags zu frieden.

Ich konnte an jenem Tage schon um vier nicht mehr schlafen. Mein kleiner Bruder haute wie so oft im Schlaf ständig mit dem Kopf gegen die Wand. An der Stelle färbte sich die Tapete dunkel. Bumm, bumm, bumm, und er summte dabei wirre Melodien. Brüderchen selber merkte das nicht. Also stand ich auf und versuchte, unter Kopfhörern irgendwelche Musik aufzunehmen. Um diese Zeit war nichts los, und so experimentierte ich ein wenig mit dem Mikrofon. Irgendwann sagte mein Tonbandgerät keinen Mucks mehr. Aus Unachtsamkeit hatte ich den Lautsprecherausgang meines Tonbands mit einer langen Meßleitung kurzgeschlossen. Damals gab es noch keine Blindstecker oder Klemmverbinder am Ausgang, sondern nur gewöhnliche 6mm-Telefonbuchsen. Am Radio hatte ich aus Spieltrieb ein Mikrofon angeschlossen, und dieses stand neben der Meßleitung. Dann war es kurz vor um 5, eine Minute durfte mein Vati also noch schlafen, als ich plötzlich bemerkte, daß das Radio, ohne daß es mit dem Tonbandgerät verbunden war, eine Bandaufnahme wiedergab. Ich drehte am Sender. Kein Zweifel, die Musik kam vom Band, und dann rannte ich ins Schlafzimmer...

Ich hatte also das Magnetschleifen-Übertragungsverfahren "erfunden". In der Meßleitung "kreiste" der kurzgeschlossene Lautsprecherstrom des Tonbands und erzeugte ein Magnetfeld. Nun bestand mein Mikrofon innen aus einer Spule, und das Magnetfeld der Meßleitung induzierte in der Mikrofonspule einen Strom, den das Radio etwas verstärkte. Das war die Musik vom Band, die ich hören konnte.

Also nichts Neues unter der Sonne. Zuerst war ich enttäuscht. Aber diese Art der drahtlosen Wellenübertragung war nicht verboten, und bald machte ich eifrig Pläne mit diesem Verfahren.

Mein lang ersehnter Wunsch bestand darin, im Badezimmer beim Waschen Musik von meinem Tonbandgerät hören zu können, ohne daß ich irgendwelche Kabel legen mußte. Eines Morgens bastelte ich an dessen Erfüllung. Schauplatz war die Wand unseres Kinderzimmers, die dem Badezimmer gegenüberlag. In jede Ecke schlug ich einen starken Nagel. Dann legte ich um diese Nägel mehrere riesige Schleifen aus Kupferdraht. Die Enden des Kupferdrahtes steckte ich in den Lautsprecherausgang des Tonbandgerätes.

Jetzt drehte ich die Lautstärke am Tonbandgerät maximal auf, so daß man den Übertrager der Röhrenendstufe kreischen hören konnte.

Bereits Tage zuvor hatte ich mir den Empfänger dazu gebaut. "Opfer" war eines der ersten UKW-Taschenradios, die es in der DDR gab, ein Hitachi, Import aus Japan, nicht billig. Nach einigen vorausgegangenen Experimenten lötete ich zwei Drähtchen passend um. So konnte ich eine Spule anstecken, und immer, wenn ich diese abzog, war wieder UKW-Empfang möglich.

Ich wundere mich noch heute, daß diesen Eingriff in die Architektur unserer Wohnung nie jemand bemerkt hatte. Auch meine Präparationen am wohl zur damaligen Zeit wertvollsten Radio unserer Familie, dem kleinen UKW-Japaner, blieben ohne Echo. Nun, einerseits gab es keinen Ärger, andererseits jedoch auch keine Würdigung meines elektronischen Talents.

Mein Badezimmer-Wunsch war erfüllt. Aber es gab Interessanteres. An unser Kinderzimmer grenzte die Wohnstube. Zutritt verboten, wenn abends der Fernseher lief. Absolutes Tabu, jedenfalls nach dem Sandmännchen um 7. Mein Vati besitzt ein stark ausgeprägtes Gen der Neugierde, und dieses Erbe gab mir die Anregung der nun folgenden Anordnung: Ich wickelte eine Menge Kupferschleifen, befestigte diese am hinteren Teil der Schrankwand im Wohnzimmer und steckte die Enden in den Lautsprecherausgang des Fernsehers. Im Kinderzimmer stellte ich an der Stelle gegenüber den Empfänger auf. Ich hörte den Fernsehton. Nach dem Sandmännchen! Heimlich. Und es gab Überraschungen! Ich verpflichtete mich zur absoluten Geheimhaltung. Vielleicht war der Ton nun drüben etwas leiser, aber bestimmte Berliner Fernsehsender kommen eben manchmal schlechter rein ...

Zu Weihnachten bekam ich ein eigenes UKW-Taschenradio geschenkt. Auch dieses baute ich um. Dann nahm ich mein Akkordeon, stellte das Mikrofon auf und plazierte den eingeschalteten Schleifenempfänger im Badezimmer. Ich ging auf "Sendung". Jetzt wurde ich endlich mal gehört.

Mein Vati meinte, ich solle mit dem ganzen Zeug etwas Sinnvolleres anfangen. - Bau mal einen Leitungssucher!

Ein Schulfreund zeigte mir ein elektronisches Bauelement. Eine kleine Metallkappe mit 3 Beinchen daran. Zum ersten Mal sah ich einen Transistor. Einen GC 301.

In der Schule gab es eine Messe. Die Messe der Meister von Morgen: MMM. Zwei Klassenkameraden stellten dort aus. Irgend so ein blinkendes Gerät, auf einer Leiterplatte zwei Transistoren. Sie nannten das Ding Astabiler Multivibrator. Stolz führten sie es vor. Auf mich machte das wenig Eindruck, denn sofort hatte ich eine Idee.

Ich arbeitete eifrig. Einen Verstärker brauchte ich. Auf kleinstem Raum. Der sollte die magnetischen Signale meiner Spule verstärken und über einen Kopfhörer zum Klingen bringen. Ich zeichnete die Leiterbahnen auf kupferkaschiertes Pertinax und kaufte in der Apotheke Eisen-III-Clorid. Mit diesem Zeug ätzt man das nicht benötigte Kupfer von der Leiterplatte, hatte mir vorher jemand erklärt. Ich gab einige große Löffel in ein Einweckglas und ließ Leitungswasser darüberlaufen. Das Glas wurde sofort heiß, und unter lautem Zischen, Spritzen und mit viel Rauch erhielt ich eine dickflüssige, braune Brühe, die ich nach dem ersten Schrecken in eine Schale - sprich in einen Suppenteller aus Porzellan - goß. Der nun folgende Ätzvorgang ließ alle Speisedüfte unseres bevorstehenden Mittagessens in der Küche ersterben. Das Kupfer war hartnäckig. Nach einer halben Stunde stellte ich deshalb das ganze Zeug auf eine Herdplatte und schaltete ein. Die Eltern waren spazieren, der Braten brodelte ohne Aufsicht in der Backröhre. Entsetzt über den Verlauf meines technologischen Prozesses nahm ich die Ätzschale von der Herdplatte und begann die Küche zu lüften. Den Löffel, mit dem ich die Brühe angerührt hatte, konnte ich wegwerfen. Den schönen Teller versteckte ich im Kinderzimmer. Dann hörte ich die bekannten Schlüsselgeräusche im Hausflur. Ja, es riecht hier schon die ganze Zeit etwas komisch, aber es wird schon weniger, merkt ihr? Soll ich den Tisch decken?

Es paßte alles in eine Seifendose. Spule und Verstärker. Und es funktionierte.

Erster Höhepunkt: Ich kam sofort zur Kreismesse. Meine Klassenkameraden nicht. Stolz und Freude meinerseits. Leider taugte mein Apparat aus Gründen, die ich erst viel später durchschaute, nicht zur Suche nach verborgenen Stromleitungen. So stellte ich das Ding als drahtlosen Kopfhörer vor. Mono. Mit einem Ohr. Zu diesem Zweck versteckte ich ein kleines Kofferradio unter dem Tisch. Dort wickelte ich auch die bekannte Kupferschleife. Das war der Musteraufbau. Ich ging vor dem Tisch mit meiner Seifendose spazieren und wartete darauf, daß die Fachwelt mich lobte.

Zweiter Höhepunkt: Die Bezirksmesse. 1970. FDJ-Hemd. Aufregende Fahrt mit dem Moped „Sperber“ nach Frankfurt an der Oder. Dieselbe Vorführung. Bleibendes Erlebnis? 120,- Mark Prämie.

Vernachlässigung

Wer auf der Autobahn im jetzigen Land Brandenburg aus Richtung Dresden kommend an der Abfahrt Rüdersdorf, kurz vor Berlin-Lichtenberg, nach rechts schaut, wird ein eigenartiges, nicht so ganz in die Stilepoche passendes, palastartiges Bauwerk entdecken. Dicke Säulen vor der Fassade. Das Kulturhaus der weitbekannten Zementstadt. Auffallend, gigantisch, unbescheiden. Ich bin oft hier vorbeigefahren. Meine Oma wohnte in Dresden.

Akkordeon-Prüfung. Genau in diesem Gebäude. Abschluß der Oberstufe, nach sechs Jahren Fleiß. Oder Nichtfleiß. - Jürgen, haben Sie eigentlich irgendwann geübt für heute? Ich bin enttäuscht, ich weiß, Sie können viel mehr. Was ist denn los? Ich hatte keine Zeit, ich habe was erfunden, dann was gebaut, und dann war ich dreimal auf der Messe..., einen erlaubten Sender,... - Note 3. Und das auch nur, weil ich Sie so gut kenne.

4. Tontechnik

So. Das ist das alles entscheidende Fach. Vielleicht kann ich mein Band vorspielen. In einer Art Klassenraum sind wir auf einmal 10 Leute! Eine Elongation ist die Auslenkung einer Schwingung zu einem definierten Zeitpunkt. Genau. Die maximale Auslenkung nennt man auch Amplitude. - beantwortet ein neuer Konkurrent die Frage des Cheftonmeisters. Was ist eine Verzerrung? - Herr Jäckel sieht meinen erhobenen Arm. Eine Aufnahme ist verzerrt, wenn sie schlecht klingt, wenn sie zum Beispiel übersteuert ist. - Sage ich selbstbewußt und praxisorientiert. Kein lobendes Ja. Was Sie ansprechen, ist der Klirrfaktor. Ich dagegen meine die Nichtlinearität im Frequenzgang. - Alles klar, davon verstand ich nichts. Immerhin, Note 2. Er hat mich wohl nicht erkannt.

Fachliches Intermezzo

Irgendwo in Berlin. Die Stube ist verqualmt, und der Mann, dem ich gegenübersitze, sieht überarbeitet, abgespannt, nervös und verbraucht aus. Herr Wollermann. Ich nehme mein Band aus der Tasche und frage, ob ich es ihm vorspielen solle. Ich habe hier zu Hause keine Bandmaschine. ... Sie wundern sich? Naja, man kann sich ja kein vernünftiges Tonbandgerät kaufen, alles nur Schrott. Wenn ich heimkomme, kann ich keine Musik mehr hören, wegen der schlechten Qualität. ... Ein tschechisches Gerät? B 46? Was, Sie haben einfach das Band am Löschkopf vorbeigeführt, um eine Mehrspuraufnahme machen zu können? Nee, das brauchen Sie mir nicht vorzuspielen..., da sind ja die ganzen Höhen weg, wegen der Vormagnetisierung am Tonkopf, und dann rauscht das ja wie ein Wasserfall... Wissen Sie, ich mache das nun schon 10 Jahre lang. Jede Woche mindestens zwei Nachtschichten. Überstunden... Ja. die Studios sind überlastet. Manchmal wartet eine Musik-Kombo mehr als ein Jahr auf einen Termin. Einen Schlager produzieren wir nachts in einer Stunde. Da muß alles klappen. Da ist keine Zeit für Experimente. Ein bißchen Nachhall rein, und los geht's. Tja, und dann sind Sie für alles verantwortlich. Sie müssen die Musiker ranholen und die Technik organisieren, sich mit Komponisten und den Ton-Ings rumstreiten. Alles andere als ein lukrativer Job. Würde ich nie wieder machen, glauben Sie mir das. -

Ich suche nach einem Klavier. Brauche ich nicht. Muß man das heute? Naja, es ist ja nicht verkehrt, wenn man das kann. Was Sie brauchen: Nerven und viel Schlaf, und eine gehörige Portion Idealismus.

5. Politik

Na, wie lief's bis jetzt? - Mit dieser Frage empfängt mich ein älterer Herr, weit über die 60, zur letzten Prüfungsrunde. Nicht so schlimm, Genosse, äääh, Unterleutnant. Hier in diesem Zimmer entscheidet sich alles, das können Sie mir glauben. Haben Sie volles Vertrauen zu mir. Die Musik ist das eine, aber die politische Einstellung das andere. Was nützt uns ein guter Musiker, wenn alles andere nicht stimmt..., aber wem sag ich das?! Ich frage hier nicht, ob Sie Klavierspielen können... Also fangen wir an. Sie sind also Offizier. Erzählen Sie mir mal, wie das zusammenhängt... Ah ja. Auf Zeit. Für 3 Jahre. Feine Sache. Also, Zugführer. Da machen Sie doch bestimmt regelmäßig Politschulung mit Ihren Soldaten..., alle 4 Wochen, 2 Tage durchgehend, natürlich. Was haben Sie denn da zuletzt behandelt? ... CSSR, Einmarsch 68, Einmarsch, äääh, Sie meinen, naja, kann passieren. Und wie sind Sie an das Thema herangegangen? - Sofort bereue ich meine Offenheit, erwidere einen belanglosen Satz und komme zum Glück nie wieder zu Wort. Der Veteran geht zur Landkarte und erläutert mir die Aufgaben von Herresgruppe Mitte und Herresgruppe Nord, stellt ein Paar Fragen und beantwortet sie gleich selbst, wünscht mir viel Erfolg bei meiner weiteren Arbeit und verabschiedet mich. Draußen wartet ungeduldig der Herr Veudel.

Finale

14 Tage später bekomme ich Bescheid.

©Jürgen Langhans. Karlsruhe 1992

Nachbemerkung. Hier ist fast nichts frei erfunden. Die Episode hat sich im Jahre 1974 nahezu so zugetragen, wie ich sie erzählt habe. Die Personen sind echt.