Dienstreise

Diese Erzählung war nicht vorgesehen.


Autobahn Richtung Prenzlau. Frau Langeberg unternimmt mit ihrem Vater wieder mal eine der üblichen, aufwendigen "Taxi"-Fahrten. Familienbesuch. Es ist wenig Verkehr. Plötzlich fährt sie auf die Haltespur und stoppt. Peu, ich sehe auf dem rechten Auge auf einmal nichts mehr, bloß noch die Hälfte! - Der fast Achzigjährige sieht sie besorgt an. Er braucht sie. Er liebt seine Tochter. Alles geht sonst immer reibungslos, planmäßig. So ist er es gewohnt, so will er es. Unvorstellbar für ihn, wenn es anders wäre. Was ist los, Kind?! - Es ist mehr eine Aufforderung als eine Frage. Frau Langeberg ruht sich eine Stunde lang aus, dann fahren sie weiter.

Auch an den folgenden Tagen hat Frau Langeberg auf dem rechten Auge nur ein eingeschränktes Gesichtsfeld. Hinzu kommen andere Erscheinungen, die sie seit Jahren belasten, Kopfschmerz, Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Angst. Die Ärzte führen dies auf einen Rückenwirbel zurück, den sie sich vor einigen Jahren bei einem Kopfstand wohl verletzt haben muß. Sie müssen eben mit diesen Dingen leben, da können wir nichts machen. - Dann die Arbeit. Planstellenprobleme, sieben Jahre vor der Rente. Ministereingabe, keine Antwort. Arbeit, Aufopferung, Streß, Enttäuschung. Das wiegt.

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Tja, da muß ich mich wohl erst mal um einen Expreßzuschlag kümmern, denkt Georg, findet aber keinen Schaffner. Heute morgen waren die Scheiben seines Skoda S 100 zum ersten Mal vereist, so daß er den Zug nach Dresden geradeso erreichen konnte. Aber es war eben ein "Ex". Ist dieser eine Platz noch frei? - Ein älterer, gediegener Herr bejaht die Frage. Sie müssen aber aufstehen, falls jemand mit einer Platzkarte den meinigen beanspruchen sollte. - Gegen diese Frechheit will Georg etwas erwidern, als sich die Angelegenheit von selbst klärt und der Platz ordnungsgemäß belegt wird. Nun, man fährt eben Erste Klasse. Dann eben im Stehen.

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Ich hatte eigentlich ein schönes Leben, sagt Frau Langeberg zum Chirurgen. Ich habe zwei nette Söhne erzogen, habe einen arbeitssamen Mann, seit einem knappen Jahr einen Enkel, ich kenne Peking und war in Korea, ich habe in der Adria gebadet und in der Karibik Muscheln gesucht. Welche Frau kann das heute schon von sich sagen.

Dann die Narkose. Frau Langeberg weigert sich lange. Verständliche Angst. 97 Prozent Überlebenswahrscheinlichkeit. Viel, aber doch wenig. Dann schläft sie schnell ein.

13. November, 7.15 Uhr. Wir fangen an. - Die Patientin liegt auf dem Bauch. Herztöne und Atmung normal. - Die Anestisistin nickt dem Chirurgen zu. Der Schädel wird geöffnet. Geduldig und gewissenhaft entfernt Dr. Mansfeld das krankhafte Gewebe. Mikrochirurgie.

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Georg geht zum gegenüberliegendem Taxistand. Der ist ohne jede Schlange. Unklar. Die drei Mark sind geschenkt, sagt er sich und fragt den Fahrer etwas zurückhaltend, ob er ihn denn nach Klotzsche bringen könne. Ja, nadierlich, mir wärn den Betrieb schon finden. - Unterwegs blockiert eine Kolonne sowjetischer Tankfahrzeuge die herrliche Königsbrücker Landstraße. Aus den drei Mark werden acht Mark. Was soll's, selber schuld! Es ist 10.30 Uhr.

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Der Tumor sitzt günstig. Herrliches Arbeiten, beinahe Routine, anstrengende, alle drei Tage etwas in der Art, vorige Woche der Siebzigjährige, fast ein Wunder, Computertomografie, nein, das Gehirn ist tatsächlich nicht beschädigt, stimmt alles sehr genau mit der Aufnahme überein, dickes Ding, sagenhaft, wie ein Ei, drückt offenbar auf den Sehnerv..., ja, das Herz..., das Herz,schlägt gut, auch so ein Wunder, im Herzen da ist die Liebe, das Leben, ganz ohne Vernunft, denn die sitzt im Kopf, und den hab ich vorhin aufgemacht, einfach so, schon so oft, und sie, sie ahnt nichts, absolut nichts, schläft ein, träumt nichts und wachst ansich im selben Augenblick wieder auf, und, nun, bis Weihnachten, denke ich, das Sprechen wird noch schwerfallen, in einem halben Jahr ist alles vergessen, ich habe wieder mal jemanden glücklich gemacht, mehrere eigentlich, die sich freuen, wahnsinniges Leben, wenn der wachsende Tumor langsam das Gehirn verdrängen würde, Leute, die sich bedanken, die Vertrauen hatten, keine phrasigen Versprechungen, sondern Technik, Meisterschaft, Geduld, Gefühl, Wissenschaft, es gibt da so ein Bild von Hieronymus Bosch, Der Schädelbohrer..., ja, das Herz, all das ist dem Herzen egal, es arbeitet ohne Anstrengung, ja, aber auch ohne Motivation, ohne Stimuli, nur aus eigenem Antrieb heraus, Hauptsache Blut, Blut..., Mut, sie hatte Angst - Schwester, rufen Sie Herrn Langeberg an, es läuft alles normal, nein, Ministerium 2179, danke, - Heilbut gibt's zum ersten Abend, sagte mir Herr Langeberg, sie kratzt so gerne die Haut ab, ein ziemlicher Realist, dieser ehemalige Oberst, aber sicher nicht unsensibel, zeigt's nur nicht, nach außen etwas sachlich, kühl, irgendwie recht bekannt hier in der Akademie, international anerkannte Kapazität, glaube ich, Kernstrahlungsexperte, schreibt Bücher, die Söhne, keine Ahnung, die hätten sich weiß Gott auch mal sehen lassen können, wozu gibt's Besuchstage, - Wie spät? - Fast vier Stunden, ich brauche wieder eine Pause.

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...so daß der Kunde praktisch den gesamten Schaltkreisentwurf hier bei uns abarbeiten kann. Wir übernehmen dann nur die reine Fertigung der Muster. - Gewissenhaft erläutert Dr. Benninger seinem Gast die technischen Möglichkeiten und den organisatorischen Ablauf der neuartigen Technologie. In Ihrer Kundeninformation gibt es da einige Einschränkungen, die man beachten muß. Bitte schauen Sie sich mal diese Schaltung hier an. Ist das Projekt so ungefähr möglich? - Ja, sicher geht das, Sie müssen nur aufpassen, daß Sie keine logischen Rückführungen erzeugen. Alle Speicherelemente sind an einen Zentraltakt gebunden, danach muß sich Ihr Entwurf richten. Gegen 12.00 Uhr ist die Beratung beendet. Georg beschließt, noch einen Fachkollegen zu besuchen. Er schlendert durch die Dresdener Neustadt. Nein, tut mir leid, der Herr Direktor ist heute außer Haus, möchten Sie etwas hinterlassen? -

Heimfahrt. 13.40 Uhr ab Dresden-Neustadt. Georg schläft ein.

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12.30 Uhr, alles normal. Weiter. Ohne Verlust an Konzentration. Die Operation ist sehr blutig. Ständig müssen Gefäße verschlossen werden. 20 Konserven stehen zur Verfügung, eine ganze Wochenration für die neurochirurgische Abteilung. Nachmittag. Alles normal. Mehr als sieben Stunden schwere Arbeit für das Team. Beinahe geschafft. Da entdeckt Dr. Mansfeld unter seinem Mikroskop einen kleinen Nebenzweig des Tumors im Gehirngewebe. Die Entfernung stellt keine große Schwierigkeit dar, überlegt er, aber eine halbe Stunde wird es sicher dauern. Er beginnt. 14.55 Uhr. Die Herztöne werden schwächer, Atmung normal. - Neue Blutkonserve! - Dann geht alles sehr schnell. Herzstillstand. - Die Patientin wird gedreht. Die Operation ist dadurch zerstört. Dr. Mansfeld öffnet den Brustkorb und entfernt zwei Rippen. Herzmassage. Für wenige Augenblicke kommt der Kreislauf wieder in Gang. Um 15.52 Uhr ist alles vorbei. Aufgegeben. Aus.

©Jürgen Langhans. Königs Wusterhausen, 22. November 1986