Niederschriften

Ich pflege mein Fahrrad

Fahrrad

Ich habe noch kein Fahrrad, aber ich wünsche mir eins. Ich muß es aber auch pflegen. Die Kette muß geölt werden. Da nehme ich mir einen öligen Lappen und streiche darüber. Ich muß auch etwas Öl zwischen die Kettenglieder gießen. Die Naben sind auch wichtig. Eine befindet sich am Hinterrad. Da muß auch ab und zu Öl hineingegossen werden. Dieses verteilt sich dann im Kugellager, und es kann nichts passieren. Wenn man die Nabe nicht ölt, fängt das Fahrrad an zu quietschen. Es kann aber auch vorkommen, daß dann der Rücktritt nicht mehr funktioniert. Auch die Handbremse muß nachgeprüft werden. Sie muß verstellt werden, denn es kann der Draht verschoben sein. Wenn die Speichen verrostet sind, müssen neue eingezogen werden. Der Dynamo darf nicht geölt werden. Zum Schluß kann man das Fahrrad auch noch putzen, denn es soll ja auch schön blank aussehen. Ich halte mein Fahrrad immer in Ordnung!

27.9.1963, 4. Klasse, Note 1, Weyand


Beobachtungen am Straussee

Ich befinde mich am Ufer des Straussees. Es ist von Gärten umgeben. Die Bäume, Gärten und Sträucher zeigen schon ihr erstes Grün. Heute ist ein windiger Tag, und es scheint keine Sonne. Die Bäume bewegen sich im Wind. Vor mir liegt der Straussee mit einem starken Wellengang. Das Wasser hat eine dunkle, glitzerne Farbe. Jenseits des Sees befindet sich ein Waldgürtel, der mir ein stilles Bild vermittelt. Rechts von mir liegt die Stadt. Sie wirkt wie ausgestorben, weil keine Menschen zu sehen sind.

2.5.1964, 4. Klasse, Note 1, Weyand


Nicht nur ein Traum...

Wieder einmal fuhren wir mit der S-Bahn nach Berlin. Ich saß am Fenster und zählte die Stationen: "Warschauer Straße - Ostbahnhof", dachte ich, und wir stiegen aus. Eigentlich müßten wir ja zum Zahnarzt, aber Mutti fuhr mit mir kreuz und quer durch Berlin. Plötzlich blieben wir vor einem großen Geschäft stehen. Ich las das Schild: "Musikalienhandlung". Wir gingen hinein. Der ganze Raum war voller Musikinstrumente, die ich gar nicht alle kannte. Da zeigte uns der Verkäufer schon ein schönes rotes Akkordeon mit vielen Registern und gab es mir zum Spielen. Ich probierte alle Lieder, die ich konnte und versuchte jedes Register. Es war eine wunderbare Musik. Und trotzdem war ich ein bißchen traurig, denn es kam die Zeit, in der ich das schöne Instrument wieder abgeben mußte. Aber ich traute meinen Augen nicht! Als wir den Laden verließen, nahm Mutti das Akkordeon mit. Gehört das mir? - fragte ich schüchtern. Sie nickte. Da freute ich mich riesig. Eigentlich hatte ich es mir doch gar nicht verdient, dachte ich mir im Stillen, denn mein Betragen in der Schule und zu Hause war nicht so, wie es sein müßte. Das sagte ich Mutti aber nicht, denn sonst hätte sie womöglich das schöne Akkordeon wieder zurückgebracht. Ich wollte mein schönes Geschenk tragen, aber es war mir viel zu schwer. Mutti hatte mehr Kraft als ich und nahm mir die Last ab. Trotzdem kamen wir nur langsam zur Straßenbahn. Wir stiegen in die "11". "Ping, ping, ping", klingelte die Straßenbahn, und es ging los. Viele Autos fuhren an uns vorbei. Es ratterte und knatterte. Ein großer LKW hatte es besonders eilig. Er wollte die Straßenbahn überholen und sah nicht, daß sie in eine Rechtskurve einbog. Die Bremsen der Straßenbahn quietschten. Ich hielt mich am Geländer fest, um nicht umzupurzeln. "Bbrrrums!" Der LKW stieß gegen die Straßenbahn.

Akkordeon

Ich schlug die Augen auf und befand mich in meinem Bett. Meine Hand umklammerte das Schutzgitter. Mein Bruder hatte nur die Tür so laut geknallt, daß ich erwacht war. "Komm, aufstehen!" rief Mutti. "Wir fahren heute zum Zahnarzt." Dort wurden mir zwei Backenzähne gezogen, und mir tat alles weh. Interessenlos lief ich neben meiner Mutti her. Wir betraten ein Geschäft. Doch plötzlich waren meinen Schmerzen wie weggeblasen. Diesen Tag werde ich nie vergessen, als Mutti für mich ein rotes Akkordeon kaufte, das viele Register hatte. Ich zwickte mich in den Arm..., nein, es war kein Traum, es war Wirklichkeit!

12.1.1965, 5. Klasse, Note 1, Weyand