Schwimmen lernen

So, kommt her. Noch etwas weiter! Gut so. - Der strenge Bademeister lockt die beiden ins halbtiefe Wasser und verlangt, sie sollten eine Handvoll Sand vom Grund heraufholen. Jörg ahnt nichts. Bibbernd steht er auf gleicher Höhe wie die etwas kleinere Iris im kalten Wasser. Dann greift er mit seinem immer länger werdenden rechten Arm in den losen Sand. Den Kopf hält er dabei ein wenig geneigt, so daß das Wasser sein Ohr kitzelt. Stolz zeigt er dem Bademeister die schmutzige Hand. Der nasse Sand rieselt langsam durch seine Finger zurück in den See.

Badeanstalt

Die Badeanstalt am Straussee in Strausberg

Eigentlich ein sehr schöner See. In der Mitte verbindet eine Fähre die beiden Ufer. Neben der Fähre liegt die Badeanstalt, ein barackenartiger, grüner Holzbau. Die Kasse und die Umkleideräume. Dahinter ein Sandstrand, ein langer Brettersteg und die Sprunganlage.

Die Badeanstalt hatte für Jörg schon immer so etwas Bedrohliches, Unangenehmes ansich. Wenn er im Sommer mit seinem Vater hier spazieren ging, blickte er stets ehrfurchtsvoll auf den grünen Bau und beobachtete scheu die aufgeweckten großen Jungen, wenn sie vom Turm sprangen.

Früh ist es noch ganz leer und meistens kalt, der Strand ist eklig naß.

Noch mal, das reicht nicht! - Vorsichtig greift Jörg noch einmal in die Tiefe. Wozu braucht der Bademeister bloß den Sand. Eine kleine Welle schwappt ihm ins rechte Auge, und er springt erschreckt auf. Hier ist es zu tief, das geht nicht! Ich kann Ihnen doch den Sand von da oben holen. - Dabei zeigt er in die Richtung der Umkleidekabinen. Dann dreht er sich kurz zur Seite und bemerkt, daß Iris nasse Haare hat. Sie lacht. Aufgeregt begreift er etwas.

Los, komm, du wasserscheuer Laubfrosch! Wir gehen ein Stück spazieren. - Der Bademeister schickt ihn vor sich her. Iris trocknet sich bereits ab und macht sich schulfein. Es verbleibt nur noch wenig Zeit bis zum Beginn der ersten Stunde. Viel kann also nicht mehr passieren. Und bis zur Schule läuft man mindestens eine halbe Stunde, das mußte der Bademeister schließlich wissen. Jörg beruhigt sich ein wenig.

Der Bademeister führt Jörg auf den langen Laufsteg, den sonst nur er betreten darf, und von dort zur Sprunganlage. Der Turm ist für die Großen da, denkt Jörg und hat keine Angst. Vielleicht will er mir am Schluß noch etwas zeigen. Geh auf das 1-Meter-Brett und spring rein! - Das geht nicht! Ich kann noch nicht untertauchen, ich will doch bloß schwimmen lernen! Nichts weiter. Das hier kann ich doch noch später machen, bitte, ich will lieber noch mal 100 Meter schwimmen. Ich muß doch gleich in die Schule! Sehr richtig. - Der Bademeister packt Jörg bei der rechten Hand. Der zittert gewaltig. Mit seiner Linken umklammert er krampfhaft den dicken Zeigefinger des Bademeisters. So hängt er eine Weile über dem Wasser in der Luft. Er sucht die Mutti, kann sie aber nirgends entdecken. Auf einmal wird es um ihn seltsam hell, und Bläschen steigen nach oben. Wie ein Traum. Beklemmend schwimmt er ans Ufer.

Und das machen wir jetzt jedesmal, bis du es bringst.

Jörg läßt sich von seiner Mutti abtrocknen und tut, als ob er friere und sehr gelitten hätte. Iris ist schon weg. Die Mutti fährt ihn heute mit dem Auto zur Schule. Die Schönschreibstunde hat schon begonnen. Bevor Jörg in die Klasse tritt, macht er sich draußen am Waschbecken noch einmal die Haare naß. Entschuldigen Sie, Frau Büchsenschuß, aber wir mußten heute Sand vom tiefen Grund raufholen, und dann bin ich noch vom Turm gesprungen. Das hat also etwas länger gedauert. - Strahlend und ernst geht er auf seinen Platz. Er weiß, daß Iris und er die beiden einzigen sind, die jeden Dienstag früh zum Schwimmunterricht gingen. So war er davon überzeugt, daß noch keiner außer ihm vom Turm gesprungen ist und die andern jetzt sehr beeindruckt sind.

Jörg schreibt und holt schnell auf. Zum Schwimmunterricht muß er nicht wieder. Schwimmen kann er schließlich.

©Jürgen Langhans. Königs Wusterhausen 1985