Der Schnee macht die Erde leise (2)

Wenn ich plötzlich ganz still werde,
weil man mich ausreden läßt,
dann ist irgendwas faul
auf diesem Fest.
Oder ich bin fehl am Platze,
weil ich nicht zu jedem Scheiß,
zu jedem sinnlosen Geplapper
die passenden Worte weiß.

Wenn mein Schlaf ein Ende findet,
ganz jäh und ungewollt,
dann war’s_ein_Herbstgewitter,
es regnet, blitzt und grollt.
Oder es war nur mein Wecker,
der mir freundlich bestellt,
mein Alptraum sei nun zu Ende,
komm, Junge, und verdiene Geld!

Aber der Schnee macht die Erde leise,
schmiegt sich sanft an jeden Laut,
macht sie still auf seine Weise
und mich traurig, wenn er taut.

Wenn früh die Kirchenglocken läuten
und ich noch schlafen will,
dann frage ich mich, für wen
läuten die so schrill?
So will ich meine Träume opfern,
denn so dicht ist kein Kissen,
für die, die mir den Tagesab-
lauf diktieren müssen.

Sind die Glocken endlich still,
dröhnt Musik aus dem Vorderhaus,
und der Nachbar fährt mit Vollgas
aus der engen Parklücke raus.
Und direkt vor meinem Fenster
findet ganz akurat
mit dem großen Benzinrasenmäher
eine Blumenhinrichtung statt.

Aber der Schnee ...

Wer hat uns nur die leise Welt
so schnell und laut eingerichtet?
Wen gibt’s noch, der auf satte Diskos
und geile Fernseh-Shows verzichtet,
und wen, der statt nach Kriegsszenen
nach „Jenseits der Stille“ sucht
und der statt in Grindelwald
in der sächsischen Schweiz bucht?

Wie wertlos sind die leisen Sterne,
wer kennt heut das Sternbild Hund?
Wie wertlos ein sanftes Schweigen?
Wie wertvoll | ein loser Mund!
Wie wertlos ist ein Buch?
Wie wertlos sind meine leisen Noten?
Wie wertlos meine ruhigen Worte?
Wie wertvoll Krallen an den Pfoten!

Aber der Schnee ...

©Jürgen Langhans. Karlsruhe, 3. Januar 1998


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