Franziska

Meiner Tochter Franziska zum 5. Geburtstag

Der Wind, die Sonne, der Regen, das Meer,
die tragen ein großes Geheimnis umher.
Ich schlafe am Tag und bin wach in der Nacht,
dann habe ich an das Geheimnis gedacht.

Der Wind zerzaust dir dein herrliches Haar,
so dunkel und lockig, wie meins auch mal war.
Und bringt mir der Wind heimlich einen Gruß von dir,
dann atme ich tief, und ich dank ihm dafür.

Die Sonne ist diesselbe, die wir täglich sehn
beim Arbeiten, beim Spielen und vorm Schlafengehn.
Sie macht die Haut von uns beiden schön braun
und wärmt dich im Winter beim Schneemannbaun.

Der Regen nimmt Platz auf deinem Gesicht,
doch in deine Augen hinein rinnt er nicht.
Deine Wimpern sind wie meine so wunderschön lang
wirst heut drum beneidet, was auch mir mal gelang.

Wenn du weinst, dann fließen deine Tränen ins Meer
und vermischen sich mit meinen alten und den neuen ganz sehr,
denn ich bin nicht der Onkel, als den du mich kennst
und den du nicht mal beim Namen nennst.

Kennst nicht meine Lieder, Geschichten, Ideen,
streifst nicht mit mir durch Wälder, die Tiere zu sehn,
fährst nie mit mir Fahrrad durch ein schönes Land,
und auch mein Lieblingsfelsen ist dir unbekannt.

Der Drachen von uns beiden fliegt niemals im Wind,
und Schreiben lernst du ohne mich ganz geschwind.
Du hast den bunten Käfer auch ohne mich studiert
und fragst mich nicht, wie diese Welt funktioniert.

Kein Gericht dieser Welt hat uns beide getrennt,
ich akzeptier's nicht, und die Lüge, die brennt
wie ein schneidendes Messer, und ich frage mich, wann
ich für dich ein richtiger Vati sein kann.

Du bist nun 5, und ich weiß nicht, wie ich
meine Glückwünsche formulieren soll an dich.
Wenn ich schreibe darunter: "Alles gute, Onkel Jürgen!",
da merk ich die Verleugnung in meinem Hals würgen.

Ich lege noch ein Puzzle in das Kouvert,
dort schaust du wie im Spiegel zu dir selber her.
Doch die große Märchenschatztruhe, die paßt nicht mehr hinein
möcht' sie dir gern selber geben, deine Freude wär mein.

Statt dessen sitze ich hier, spät nachts und totmüde,
und schreibe dieses Lied, diese schwierige Etüde.
Ich werd's produzieren, für meine Freunde und mich
und dann ganz oft singen für dich und für mich.

Vielleicht treibt der Wind dann mein Lied dir an's Ohr,
und du hörst es im Radio, sitzt zweifelnd davor.
Und dann schaltest du um auf Kanal RTL 7
auf Heavy Crash Metal und Funk ab P7.

Und du sagst: "Hey, Mutti, meine Jeans, die sehn aus!
Ich brauch 'n paar neue Diesel, sonst lacht man mich aus.
Und die Tina trägt durch die Nase eine goldenen Ring,
ich will grüne Haare und auch so ein Ding.

Die Postfrau kennt dich nur als ganz kleinen Spatz,
und lesen kannst du ja auch noch nicht, mein Schatz.
Und so weiß ich nicht, ob mein Brief dich erreicht,
von Mutti gelesen und zerrissen vielleicht.

Doch später da findest du ein Kuscheltier,
'ne Flaschenpost, 'nen Zettel, ein Foto von mir
und irgendwas, von dem du nicht weißt, wer dir's geschenkt,
wirst mich heimlich suchen, von der Neugier gelenkt.

Von der Sonne, vom Regen wirst du alles erfahrn
und wirst dich sehr wundern nach so vielen Jahrn.
Und wenn wir uns dann ganz fremd gegenüberstehn
kann keiner von uns beiden diese Strafe verstehn.

Der Wind streift dein Ohr und er sagt dir jetzt,
auch ich sei nur ein Mensch, der keine Berge versetzt.
Beim Kinderwagen feilschte ich damals um den Preis:
Ein alter, gebrauchter tut's auch, sagt' ich leis.

Nur das Meer weiß, was mich damals für'n Teufel ritt,
als ich einen Faden aus feiner Seide zerschnitt,
und tat's doch in gutem Glauben, das Geld aufzuheben
für Spielzeug, für Söckchen, für Windeln, zum Leben.

Der Wind, die Sonne, der Regen, das Meer,
die tragen ein großes Geheimnis umher.
Ich schlafe am Tag und bin wach in der Nacht,
dann habe ich an das Geheimnis gedacht.

©Jürgen Langhans. Karlsruhe, 19. August 1993
aufgenommen nachts um 2 Uhr; eines meiner innigsten Lieder ...


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